Geschichte

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60 Jahre Pitzelstätten: Stationen einer Schule

Erste geschichtliche Quellen, die von der Existenz Pitzelstättens zeugen, reichen bis ins 14. Jahrhundert zurück. Im Verlaufe des 15. und 16. Jahrhunderts kam Peczlstetten – inzwischen zum Schloss umgebaut – an die Khulmer, Khünburger und Putz. Valvassor, der bekannte Kärntner Chronist und Zeichner, berichtete Mitte des 17. Jahrhunderts, dass sich Petzelstätten im Besitze des Freiherrn Georg Ernst von Hallerstein befunden hat. In den Folgejahren wechselten die Besitzer sehr häufig. Erhalten geblieben ist das alte zweistöckige Schloss mit seiner schönen Barock-Fassade des 18. Jahrhunderts und den wertvollen Deckstrukturen im Inneren.Die Reste des Turms sind der einzig erhaltene Teil der alten Burganlage. Das Wirtschaftsgebäude trägt die Jahreszahl 1529.

Im Jahr 1950 wurde das Schloss und Gut Pitzelstätten von der Republik Österreich gekauft, um im Süden des Landes die zweite (nach HBLA Sitzenberg) Bundeslehranstalt mit angeschlossener Versuchsanstalt für ländliche Hauswirtschaft  zu errichten.

Es mussten ein Schülerheim und das Schulgebäude, neben dem bestehenden Schloss und Wirtschaftsgebäude, neu gebaut werden, und der Gutshof wurde zu einem Lehrbetrieb umgebaut. Pionierarbeit war erforderlich. Der Aufbau des Schulbetriebes und einer Kanzlei wurde von Dr. Rudolf Scholz, der als Direktor der Bundeslehranstalt Sitzenberg tätig war, übernommen.

Für die Außenbereiche – Landwirtschaft und Garten – war ein junger Absolvent der Bodenkultur, Herr DI Hans Koll, verantwortlich. Viele Personen wurden beschäftigt, da die notwendigen Arbeiten händisch durchgeführt werden mussten.

Der Lehrplan für die dreijährige Ausbildung wurde in Anlehnung an den bestehenden aus Sitzenberg, von den Lehrerinnen für unseren Standort adaptiert. Der Schulbetrieb begann mit 25. Jänner 1954 mit 40 Schülerinnen und 6 bzw. 9 (ab Februar und März) Lehrkräften. Die Schule wurde offiziell am 6. Februar mit einem Festakt eröffnet. Das Schuljahr dauerte von Jänner bis Dezember. Das vierwöchige Pflichtpraktikum wurde im Sommer an der Schule bis zum Schuljahr 1970/71 zwischen dem ersten und zweiten Jahrgang absolviert.

Zwei Schülerinnen beendeten vorzeitig den Schulbesuch und eine Schülerin kam ab dem 3. Semester dazu, sodass am 22. Dezember 1956 39 Absolventinnen zur Reifeprüfung aus den Gegenständen: Deutsch, Ernährungswesen, Hauswirtschaft einschl. Technik im Haushalt, Textilkunde mit Schnittzeichnen und Handarbeiten, Tierzucht und Milchwirtschaft, Garten- und Obstbau sowie einem Wahlfach antreten und bestehen mussten. Als Vorsitzender war Herr MR Dr. Novotny vom Landwirtschaftsministerium an der Schule anwesend.

Mit dem Schuljahr 1955 wurde Ministerialrat DI Heinrich Kopetz mit der Direktion betraut. 29 Schülerinnen begannen den zweiten Jahrgang, alle beendeten mit 12.Dezember 1957 mit der Reifeprüfung die Pitzelstättner Schulzeit. Laut einer Zeitzeugin (Fr. Philomena Schnögl geb. Podesser) hatten die Schülerinnen 43 bis 45 Wochenstunden Unterricht.

Die Schülerinnen der ersten Jahrgänge waren noch intensiv am Aufbau des Schulstandortes beteiligt, so wurde z.B. der ehemalige Kuhstall in Eigenregie zur Hauskapelle umgestaltet.

Ab dem Schuljahr 1956/1957 wurde die Schule vierjährig – Schulzeit von Jänner bis Dezember. Im Jahr 1959 kam es zur Änderung des Schuljahres vom September bis Juli. Die Reifeprüfungsgegenstände blieben gleich, nur die Milchwirtschaft wurde durch Fütterungslehre ersetzt.

Nach dem Tod von MR DI Kopetz 1958 übernahm DI Koll provisorisch die Direktion und wurde 1961 zum Direktor ernannt.

1962 wurde die Schule in „Höhere Bundeslehranstalt für landwirtschaftliche Frauenberufe“ mit neuem Lehrplan mit einer Gesamtwochenstundenzahl von 170 umbenannt. „Betriebswirtschaftslehre und Buchführung“ bekam größere Bedeutung  und wurde zum Reifeprüfungsfach, zwischen Tierzucht und Gartenbau konnte zur mündlichen Prüfung, gewählt werden.

Durchschnittlich waren zwischen 120 und 130 Schülerinnen pro Schuljahr anwesend, die alle im Schülerheim wohnten. Mit dem Schuljahr 1971/1972 wurde die Schulzeit, mit neuem Lehrplan, auf fünf Jahre verlängert. Die Gesamtwochenstundenzahl der Pflichtgegenstände betrug 200. Voraussetzung für die Aufnahme war der Abschluss der acht Pflichtschuljahre. Zwischen dem dritten und vierten Jahrgang musste ein dreieinhalbmonatiges Pflichtpraktikum in einem landwirtschaftlichen Betrieb absolviert werden.

Durch die vermehrte Nachfrage nach dem neuen Schultyp und durch den enormen Einsatz von Direktor Koll, dem 1972 der Titel „Hofrat“ verliehen wurde, entschied sich das Landwirtschaftsministerium, den Standort Pitzelstätten zu erweitern.

Es wurden das Südheim, ein neuer Speisesaal, zwei Lehrküchen, die Glashäuser, der Turnsaal, das Schwimmbad, der Tennisplatz und ein zweiter Stock mit Nähsälen errichtet. Die Bauzeit betrug fünf Jahre.

Die Schülerzahlen  und damit auch die Klassenzahlen stiegen jährlich an. In den Schuljahren 1977/78 und 1978/79 war der Andrang so hoch, dass jeweils zwei erste Klassen beginnen konnten. Im September 1977 wurde das Südheim bezogen, daher wurden erstmalig zwei ausgebildete Sozialpädagoginnen (Fr. Lobner und Fr. Maier) eingestellt. Lehrerinnen hatten aber noch immer, neben dem Unterricht, jeweils eine Woche lang Internatsdienst zu leisten. Zu dem Zeitpunkt befanden sich ca`250 Schülerinnen im Internat.

Um auch Absolventinnen der zweijährigen Landwirtschaftlichen Fachschulen für ländliche Hauswirtschaft eine Reifeprüfung zu ermöglichen wurde ab dem Schuljahr 1979/80 eine vierjährige Aufbaulehrgangsform an der Schule implementiert. Die Gesamtwochenstundenzahl betrug155 Stunden, wobei der fachpraktische Unterricht, durch die Vorbildung bedingt, gegenüber der fünfjährigen Form stark vermindert war.

Mit Dezember 1985 ging Hofrat DI Hans Koll in Pension, er verstarb ein knappes Jahr später. Mit 1. Jänner 1986 übernahm Frau Maga. Drin. Gerda Wrulich die Direktion. Im Schuljahr 1988/89 wurde die Schule in „Höhere Bundeslehranstalt für Land- und Hauswirtschaft“ mit neuen Lehrplänen umbenannt.

Erstmalig fand der Gegenstand „Elektronische Datenverarbeitung“ mit drei Wochenstunden Einzug in die Lehrpläne. Den naturwissenschaftlichen Aspekten wurde ebenfalls mehr Aufmerksamkeit zuteil, sodass „Biologische Übungen“ und „Chemisches Laboratorium“ eingeführt wurden. Die notwendigen Funktionsräume wurden im Kellerbereich der Schule als Provisorien eingerichtet.

Die Schule wurde koedukativ. Die Gesamtwochenstundenzahl vermindert sich auf 190 Stunden. Dafür wurde die außerschulische Pflichtpraktikumszeit von 14 Wochen auf 22 Wochen verlängert.

Seit 1990 können Absolventinnen und Absolventen, nach einer dreijährigen einschlägigen Tätigkeit um den „Ingenieurtitel“ ansuchen. 1991 wurde Frau Direktorin Maga. Drin Gerda Wrulich der Titel „Hofrätin“ verliehen.

Herr OStR Mag. Erwin Höferer ist seit dem Schuljahr 1991/1992 offiziell als Administrator tätig. Am 30. April 1993 ehrte uns der Besuch des Herrn Außenminister Dr. Alois Mock, der von Herrn Landeshauptmann Dr. Chistof Zernatto begleitet wurde.

Am 7. Mai 1994 feierte die Schule mit einem Festakt ihr 40jähriges Bestehen.

Im Juni 1994 legten Schülerinnen der dritten Klassen erstmalig, in Zusammenarbeit mit der WIFI, die Prüfung „Gastgewerbliches Servierpraktikum“ ab und erhielten ein entsprechendes Zertifikat.

Im Sommer 1994 mussten aufgrund des desolaten Zustandes, es bestand Einsturzgefahr, die alten Landwirtschaftsgebäude, gesperrt werden. Die Diskussion um einen Neubau wurde schon seit 1958 geführt. Dem Verhandlungsgeschick und der Hartnäckigkeit der Direktorin war es zu verdanken, dass am 26. April 1996 die Spatenstichfeier für den Neubau der Ökonomie, Errichtung des Betriebswirtschaft-lichen Zentrums mit Übungsfirmen, EDV-Saal, Kommunikationszentrum, Bibliothek und drei neue Klassenzimmer durch das Wirtschaftsministerium und die Bundesgebäudeverwaltung  erfolgen konnte. Die Bauzeit betrug fünf Jahre.

Im Schuljahr 1995/96 kam es zur Umbenennung der Schule in „Höhere Bundeslehranstalt für Land- und Ernährungswirtschaft“ mit neuem Lehrplan: Ab diesem Zeitpunkt gab es wesentliche Änderungen in den Lehrplänen – es wurden die „Schulautonomen Lehrplanbestimmungen“ eingeführt, d.h. der Schulgemeinschaftsausschuss kann rechtswirksame Lehrplanveränderungen durchführen. Mit dieser Regelung erhielt die Schule neue Freiheiten aber auch eine bisher nie dagewesene Verantwortung in Bezug auf die Ausbildung der Schülerinnen und Schüler. Die schulinterne Diskussion wurde eröffnet und begleitet uns bis heute: “Was wollen wir im Sinne einer zukunftsorientierten Ausbildung festhalten und was soll (kann) verändert bzw. neu implementiert werden.“

Ab Oktober 1996 bis Juni 1998 nahmen Schülerinnen an einem EU-Comenius Projekt mit Schulen aus Frankreich und Schweden – Thema: Brot – teil.

Im April 1997 trat eine neue Verordnung zur Reifeprüfung in Kraft. Den Bildungsabschluss bildete ab nun die „Reife- und Diplomprüfung“.Im schriftlichen Bereich musste, neben Deutsch, entweder eine 38 stündige Projektarbeit (ein Generalthema wurde aus verschiedenen fachtheoretischen Gesichtspunkten betrachtet) oder eine Diplomarbeit über ein Fachthema, das in Zusammenarbeit mit einem außerschulischen Partner erarbeitet wurde, verfasst werden.

Am 13. März 2002 besuchte der Herr Bundesminister Mag. Wilhelm Molterer unsere Schule und diskutierte mit den Schülerinnen über eine EU-Erweiterung. Ab 2003 fanden in Kooperation mit der WIFI an der Schule Berufsreifeprüfungen statt.

In den Schuljahren 2002/2003 und 2004/2005 traten neue Lehrpläne, die bis heute im Wesentlichen Gültigkeit haben, in Kraft.  Vorhandene Gegenstands-bezeichnungen wurden aktualisiert und zeitgemäße Gegenstände neu eingeführt. So wurden die Unterrichtsfächer Zweite lebende Fremdsprache – Italienisch, Kommunikation und Präsentation, Psychologie und Philosophie, Biologische Landwirtschaft, Biotechnologisches Laboratorium, Qualitäts- und Projektmanagement, Marketing und Ländliche Entwicklung neu in die Stundentafel aufgenommen. Die Unterrichtsgegenstände Textilverarbeitung, Volkskunde und Maschinschreiben wurden aus der Stundentafel genommen. Deren Lehrinhalte wurden teilweise in andere Gegenstände integriert. Die Anzahl der Pflichtstunden wurde von 190 (Lehrplan 1988)  auf 186 (Lehrplan 2002) auf 178 Wochenstunden vermindert. Dies ermöglichte uns, die Fünftagewoche einzuführen, wobei das Schülerheim am Wochenende aber immer geöffnet hatte.

Am 24. September 2004 feierte die Schule in Anwesenheit des Herrn Bundesminister DI Josef Pröll ihr 50jähriges Jubiläum. In diesem Jahr erhielt die Schule auch das Recht zur Führung des Klagenfurter Stadtwappens. Im Schuljahr 2005/2006 wurde der vierjährige Aufbaulehrgang in die dreijährige Form übergeführt (Vorbildung: Pflichtschule + dreijährige landwirtschaftliche Fachschule).

2005 wurde die Schule zur ÖKOLOG – Schule zertifiziert.

Ab dem Schuljahr 2006/2007 wurden schulautonom die Schwerpunkte: „Informations- und Umweltmanagement – IUM“ und „Produktmarketing und Regionaltourismus – PMR“ für die zwei fünfjährigen Formen eingeführt. Im September 2006 ging Frau HRin Maga. Drin Gerda Wrulich in Pension –  die provisorische Leitung übernahm Herr OStR. Mag. Rudolf Schratt.

Im März 2007 wurde Frau OStRin DIin Maria Truppe zur Schulleiterin bestellt.

2007 erhielt die Schule, als einzige höhere Schule Kärntens, das UMWELTZEICHEN für Schulen und Bildungseinrichtungen des BMLFUW. Der landwirtschaftliche Lehrbetrieb wurde 2007 mit dem Zertifikat „Sicherer Bauernhof“ der SVA der Bauern ausgezeichnet. Mit dem Schuljahr 2008/2009 wurde unser Leitbild definiert und das Schulprogramm als Qualitätsmanagement System QIBB (Qualitätsinitiative Berufsbildung des BMUKK)  eingeführt, jährlich evaluiert und weitergeführt. 2008 erhielt der landwirtschaftliche Lehrbetrieb den Managementpreis des Kärntner Rinderzuchtverbandes.

Im Jahr 2012 wurde unsere Schule mehrfach ausgezeichnet, sodass der Herr Bundesminister DI Berlakovich persönlich zur Überreichung der Dekrete anwesend war: Folgezertifizierung „Umweltzeichen“, unsere Direktvermarktung bekam das Zertifikat „Gutes vom Bauernhof“ und die Schule wurde zur „Genusslandschule“.

Bei der Reife- und Diplomprüfung 2012/2013 traten erstmals – sehr erfolgreich –  sieben Kandidatinnen in Englisch zur teilstandardisierten schriftlichen Reifeprüfung an. Die standardisierte Zentralmatura, aus den Gegenständen Deutsch, Mathematik und Englisch wird für alle Schülerinnen ab Mai 2016 verpflichtend sein.

Im Schuljahr 2012/2013 begann die intensive Arbeit für eine neue Schulbezeichnung „Landwirtschaft und Ernährung“ mit der Entwicklung von Bildungsstandards und mit einem neuen Lehrplan, der 2016/17 implementiert werden soll.

In diesem Schuljahr werden 362 Schülerinnen und 49 Schüler, davon 196 im Schülerheim, von 46 Lehrkräften und 5 Sozialpädagoginnen mit einem hohen Maß an Innovationsfreude und Kreativität im Unterricht und in der Freizeit betreut, ohne dabei das Fundament bewährter Tradition zu ignorieren. 33 nichtlehrende Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter betreuen und verwalten Haus und Hof.

Der globale Wandel, dem unsere Welt heute und in Zukunft gegenüber steht, wird für Menschen, die in der Landwirtschaft,  in Green Jobs oder in anderen Berufen tätig sind, eine große Herausforderung werden. Unsere Aufgabe als Höhere land- und forstwirtschaftliche Schule war es bis dato und wird es auch in Zukunft weiterhin sein, junge Menschen bestmöglich auf diese Zeit vorzubereiten.

Das Team der HBLA Pitzelstätten stellt sich dieser Aufgabe!

 DI Maria Truppe-Fischer, Direktorin